Definition, Eigenschaften und Aufbau von Plattformen

Andreas Schumann - Vorsitzender, Bundesverband der Kurier-Express-Post-Dienste e.V., BdKEP


Inhalt

1        Plattformbegriff

In diesem Kapitel wird das grundsätzliche Verständnis zu Definition, Eigenschaften und Aufbau von Plattformen dargestellt. Traditionellen Geschäftsmodelle hingegen konzentrieren sich auf das Management von Wertschöpfungsketten. Die traditionellen Wertschöpfungsketten, beispielsweise zur Erbringung von Dienstleistungen, sind in den Plattformmodellen i.d.R. außerhalb der Plattformen angesiedelt. Diese Wertschöpfungsketten kommen dann zum Tragen, wenn Angebot und Nachfrage zusammengefunden haben und der eigentliche Service erbracht oder das Produkt erstellt wird.

Der Prozessablauf zur Verknüpfung von Angebot und Nachfrage kann jedoch ebenfalls als Wertschöpfungskette betrachtet werden. Diese ist jedoch nicht mit den traditionellen Wertschöpfungsketten zur Erbringung von Dienstleistungen oder Erstellung von Produkten gleichzusetzen.

Plattformen können bisher voneinander abgegrenzte Segmente von Angebot und Nachfrage oder auch gar nicht miteinander in Verbindung stehende Systeme verbinden.

Die Interaktion von Anbietern und Nachfragern kann über offene oder geschlossene Plattformen erfolgen.

Offene Plattformen sind durch eine Systemumgebung gekennzeichnet, die Interoperabilität, Portabilität und Erweiterbarkeit durch offene Schnittstellen und Spezifikationen sichert. Sie werden durch eine Vielzahl von Beteiligten, deren Interessen ausgewogen berücksichtigt werden, verwaltet. (https://de.wikipedia.org/wiki/Offenes_System)

Geschlossene Plattformen hingegen arbeiten mit geschlossenen Schnittstellen und Spezifikationen, sind wenig oder nicht interoperabel, haben keine oder eine stark eingeschränkte Portabilität. Einige wenige Beteiligte verwalten die Plattform maßgeblich im eigenen Interesse. Interessen der anderen Beteiligten kommen nur dann zum Tragen, wenn es den Eigeninteressen der Plattformbetreiber zuträglich ist. Einige wenige Beteiligte entscheiden über die Erweiterung oder Einschränkung von Plattformangeboten. Offene und geschlossen Plattformen können auch als Mischform betrieben werden.

Dieses Kapitel basiert auch auf Informationen aus dem Podcast „Warum die Plattformen gewinnen“: https://soundcloud.com/etailment/netzokonom-holger-schmidt-warum-die-plattformen-gewinnen




Beispiel: Logistikplattform letzte Meile


Nachfrager: Versender und Empfänger von Sendungen

Nachfrage: Versand von Sendungen mit bestimmten Serviceanforderungen, Präferenzen der Empfänger für die Zustellung von Sendungen

Anbieter: Logistikdienstleister, Softwareanbieter

Angebot: Leistungsportfolio von Logistikdienstleistern und Softwareanbietern

Die Logistikplattform bietet ein System, auf dem Logistikdienstleister ihr Leistungsportfolio als Angebot einstellen können. Dazu gehören auch Informationen dazu in welchem Gebiet (PLZ) die Leistung erbracht werden kann. 

Versender geben an, welche Sendungen zu welchen Rahmenbedingungen (Laufzeit, Zustellnachweis, Versicherung) befördert werden sollen.

Empfänger hinterlegen, wie sie Sendungen empfangen wollen.

Als externe Rahmenbedingung ist hinterlegt, welche Restriktionen durch Kommunen in Abhol- insbesondere Zustellgebieten gesetzt sind (Zufahrtsbeschränkungen, Elektromobilität, Ladezonen, ...).

Die Plattform gleicht Nachfrage mit Angebot ab. Sie bringen die passenden Anbieter und Nachfrager zusammen. Sofern sich der Nachfrager für ein Angebot entscheidet, werden Anbieter und Nachfrager zusammengeführt und kommen so direkt miteinander in Kontakt.

Die traditionelle Wertschöpfungskette ist dann die Erbringung der eigentlichen Logistikdienstleistung und wird außerhalb der Plattform erbracht.

Auf der Plattform können weitere Angebote rund um die Logistikdienstleistung eingestellt werden, beispielsweise Paketshopstandorte, Laufzeitmesdungen, Bewertungssysteme. Diese können ebenfalls mit Versendern, Empfängern zusammengebracht werden.


Quelle: eigene Darstellung



2        Eigenschaften und Funktionen von Plattformen

Plattformen:

  • definieren Regeln für das Zusammenwirken der Beteiligten beispielsweise Workflows zum Match und Entscheidungsfindung sowie zu den implementierten Standards

  • bestimmen wie hoch die Hürden für Anbieter und Nachfrager zur Teilnahme an der Vermittlung sind

  • geben den Beteiligten Sicherheit bezüglich der Abwicklung von Transaktionen indem sie beispielsweise
    • die Abwicklung von Gewährleistungsfällen regeln
    • als vertrauenswürdige Instanz/ Treuhänder beispielsweise bei Bezahlvorgängen auftreten
    • das Vertrauen von Nachfragern in die Plattform auf neue, den Nachfragern bisher unbekannten Anbieter, übertragen. Ohne die Plattform würden Nachfrager nicht bei diesen Anbietern kaufen.
    • Das Vertrauen von Anbietern in die Plattform auf bisher unbekannte Nachfrager übertragen. Ohne die Plattform würden Anbieter diesen Nachfragern nichts verkaufen.

  • können für Anbieter und Nachfrager internationale Märkte erschließen

  • können aus der Kombination und Auswertung von bisher nicht bekannten oder kombinierbaren Daten neues Wissen generieren und daraus neue Services aufbauen oder bestehende Services optimieren

  • können den Wettbewerb unterhalb der Anbieter aber auch der Nachfrager steuern

  • können im Wettbewerb zu anderen Plattformen stehen

  • können durch die vorhandenen Anbieter und Nachfrager eine Sogwirkung auf neue Beteiligte ausüben

3        Beteiligte

3.1       Plattformbetreiber

Als Plattformbetreiber wird die juristische Person bezeichnet, die die Ressourcen zur Zusammenführung von Angebot und Nachfrage bereitstellt bzw. in dessen Auftrag sie bereitgestellt werden. Dazu gehören beispielsweise

  • der Workflow zur Zusammenführung von Angebot und Nachfrage
  • Softwareanwendungen zur Umsetzung des Workflow
  • dazu benötigte Hardware

3.2       Nachfrager

Nachfrager sind juristische oder natürliche Personen. Sie versuchen ihre Bedürfnisse durch die Angebote Dritter in einem Markt zu befriedigen. Dabei suchen sie sich den Anbieter mit der passenden Leistung aus. Die Leistung kann ein Produkt, eine Dienstleistung oder eine Kombination aus beidem sein. Nachfrager identifizieren sich auf der Plattform. Die Identifikation kann in verschiedenen Stufen von anonym bis hin zu eineindeutig identifizierten Person mit verschiedenen Eigenschaften erfolgen. Nachfrager geben direkt oder indirekt Informationen dazu an, welche Produkte oder Services sie suchen.

(siehe https://www.wirtschaftswiki.fh-aachen.de/index.php?title=Nachfrager)


3.3       Anbieter

Anbieter sind juristische oder natürliche Personen. Sie bieten denNachfragerneine Leistung (ProduktoderDienstleistung) an. In der Regel stehen unterschiedliche Anbieter dabei imWettbewerbmiteinander. Sie buhlen um die Gunst derNachfrager, damit diese bei ihnen und nicht bei derKonkurrenz(Mitbewerber) kaufen. Anbieter indentifizieren sich auf der Plattform. Die Identifikation kann in verschiedenen Stufen von anonym bis hin zu eineindeutig identifizierten Person mit verschiedenen Eigenschaften erfolgen. Anbieter geben Informationen dazu an, welche Produkte oder Services sie anbieten.

(siehe https://www.wirtschaftswiki.fh-aachen.de/index.php?title=Anbieter)

Beispielsweise im Kontext von Smart City Konzepten kommen als Nachfrager und/ oder Anbieter in Betracht:

  • Bürger als Einwohner
  • Bürger als Arbeitnehmer/ Beschäftigte/ Angestellte
  • Bürger als Unternehmer
  • Juristische Personen
  • Kommunen

Die Beteiligten können

  • Nutzer der Leistungen als Anbieter oder Nachfrager,
  • Miteigentümer und somit Träger der Willensbildung und Kontrolle,
  • sowie Kapitalgeber der Plattform sein.

Sofern Beteiligte in unterschiedlichen Zusammenhängen sowohl die Rolle als Anbieter als auch als Nachfrager einnehmen, wird diese Doppelrolle teilweise auch als Prosument bezeichnet.

4        Standards

Plattformen sind i.d.R. stark technologiegetrieben. Entscheidend ist, welche Arten von Standards zum Einsatz kommen, offene oder geschlossene Standards.

4.1       Offene Standards

Offene Standards sind nach der Genfer Erklärung 2008 Formate oder Protokolle, die

  1. von der Öffentlichkeit vollinhaltlich geprüft und verwendet werden können;

  2. ohne jegliche Komponenten oder Erweiterungen sind, die von Formaten oder Protokollen abhängen, die selbst nicht der Definition eines Offenen Standards entsprechen;

  3. frei von rechtlichen Klauseln oder technischen Einschränkungen sind, die ihre Verwendung von jeglicher Seite oder mit jeglichem Geschäftsmodell behindern;

  4. unabhängig von einem einzelnen Anbieter koordiniert und weiterentwickelt werden, in einem Prozess, der einer gleichberechtigten Teilnahme von Wettbewerbern und Dritten offen steht;

  5. in verschiedenen vollständigen Implementierungen von verschiedenen Anbietern oder als vollständige Implementierung gleichermaßen für alle Beteiligten verfügbar sind.

(siehe: https://fsfe.org/activities/os/def.de.html)

(siehe: Offene KEP-Standards sind Eintrittskarte für Zukunftsmärkte)


Quelle: eigene Darstellung



4.2       Geschlossene Standards

Geschlossene Standards sind demnach Formate oder Protokolle, die

  1. nicht von der Öffentlichkeit vollinhaltlich geprüft und verwendet werden können;

  2. Komponenten oder Erweiterungen besitzen, die von Formaten oder Protokollen abhängen, die nicht der Definition eines Offenen Standards entsprechen;

  3. mit rechtlichen Klauseln oder technischen Einschränkungen belegt, die ihre Verwendung von jeglicher Seite oder mit jeglichem Geschäftsmodell behindern;

  4. von (einem) einzelnen Anbieter koordiniert und weiterentwickelt werden, in einem Prozess, der die Teilnahme von Wettbewerbern und Dritten ausschließt;

  5. deren vollständige Implementierungen nur bei einem oder wenigen Anbietern zu finden oder als vollständige Implementierung nicht für alle Beteiligten verfügbar sind.

4.3       open data Prinzip für Smart City Daten

Smart City Konzepte basieren oft auf Daten. Besonders im Smart City Kontext kommen oft öffentliche Gelder für Infrastruktur zum Einsatz, die die Generierung der Daten erst ermöglicht. Grundsätzlich sollen diese Daten deshalb nach dem open data Prinzip verfügbar sein. Offen sind Datenbestände, die im Interesse der Allgemeinheit der Gesellschaft ohne jedwede Einschränkung zur freien Nutzung, zur Weiterverbreitung und zur freien Weiterverwendung frei zugänglich gemacht werden. Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die Daten den regionalen Stakeholder, also Unternehmen, Einrichtungen und Bürgern gehören oder für sie zugänglich sein müssen. Der Verlust des Zugangs zu Daten im Smart City Kontext führt besonders für die regionalen Stakeholder zu erheblichen Machtverschiebungen zugunsten von Technologie-Plattformen als Herr der Daten. Wertschöpfung fließt dann aus Regionen ab, die Wettbewerbsfähigkeit sinkt, Selbstbestimmung zu sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Themen wird aufgegeben.

5        Rechtsformen & Werte/ Regeln

Die Rechtsform ist der durch Gesetze zwingend vorgeschriebene, rechtliche Rahmen von Gesellschaften, mit dem einige gesetzlich vorgegebene Strukturmerkmale verbunden sind und mit dem Gesellschaften am Wirtschaftsleben teilnehmen. Die Rechtsform determiniert, nach welchem Wertesystem und Regeln die Plattformen arbeiten. So werden Regeln dahingehend festgelegt,

  • wie die Beteiligten bezogen auf Vertraulichkeit, sachgemäßen Umgang, Eigentumsrechte an eingebrachten Daten, Wissen und anderen Ressourcen unterstützt werden

  • wie effiziente Transaktionen ermöglicht werden, indem geeignete Softwareanwendungen und geeignetes Know How bereitgestellt werden

  • wie die Beteiligten am Wert der eingebrachten Ressourcen partizipieren können

  • welche Instrumente und Regelsysteme bereitgestellt werden, mit deren Hilfe die Beteiligten ihr Selbstbestimmungsrecht um- und durchsetzen können

  • wie die Interessen der Beteiligten untereinander ausgeglichen und gegenüber Dritten geschützt und durchgesetzt werden können

  • ob offene oder geschlossene Standards als Basis für effiziente Transaktionsabwicklung entwickelt werden

  • welche Eintrittsschwellen für die Beteiligten bestehen und inwiefern diese diskriminierungsfrei sind.